Verwandtschaft und systematische Stellung: Die Madagaskar-Fauchschabe (Gromphadorrhina portentosa) gehört in die Ordnung der Schaben (Blattariae). Diese Insekten-Ordnung umfaßt 28 Familien mit ca. 450 Gattungen und nahezu 4000 Arten. Schaben gehören zu den ältesten Insektengruppen. Es gibt sie schon seit ca. 250 Mio. Jahren. Erstaunlich ist, dass die „modernen“ Schaben ihren fossilen Vorfahren stärker ähneln als das bei den meisten anderen Insekten der Fall ist. Die nächsten Verwandten der Schaben sind Grillen, Heuschrecken, Stabschrecken und Ohrwürmer.
Beschreibung der Körpermerkmale: Die Madagaskar-Fauchschabe ist im Gegensatz zu den meisten anderen Schabenarten flügellos. Imagines haben einen braunen, meist mehr oder weniger gebänderten Hinterleib, während Kopf, Halsschild und hintere Brustringe i.d.R. glänzend braunschwarz gefärbt sind. Der Hinterleib der Larvenstadien ist häufig heller und variabler braun gefärbt. Weibchen werden bis zu 60 mm, Männchen bis zu 55 mm lang. Ausgewachsene Männchen besitzen auf dem Halsschild zwei auffällige Höcker und ihre Antennen sind stärker mit feinen Härchen besetzt (buschiger) als die der Weibchen.
Vorkommen, Lebensraum und Lebensweise: Gromphadorrhina portentosa kommt aus dem östlichen Küstensaum Madagaskars. Angaben über die Lebensweise im natürlichen Lebensraum sind recht spärlich. Fauchschaben halten sich tagsüber mehr oder weniger versteckt in Buschwerk und an Bäumen auf. Sie sind hauptsächlich nachtaktiv, können aber auch tagsüber z.B. bei der Nahrungsaufnahme oder Revierverteidigung beobachtet werden. Über Nahrungsaufnahme und Art der Nahrung im Freiland gibt es wenige Angaben doch scheinen die Tiere sowohl frisches als auch verrottendes und trockenes Pflanzenmaterial sowie gelegentlich auch Tierleichen als Nahrung nutzen zu können. Adulte Männchen sind territorial. Sie etablieren Reviere, die sie gegeneinander verteidigen. Droh- und Imponierverhalten zeigt den Revierbesitz an und kann Eindringlinge veranlassen das Revier wieder zu verlassen. Führt das Drohverhalten nicht zum Erfolg, so versucht der Revierbesitzer den Eindringling wegzustoßen, wobei die „Hörner“ eingesetzt werden. Setzt sich der Gegner zur Wehr, so kommt es zu einem „Rammkampf“, der erstaunliche Ähnlichkeit mit dem der horntragenden Huftiere hat. Weibchen zeigen kein Territorialverhalten und werden in den Männchen-Territorien genauso geduldet wie Jungtiere. Fauchschaben sind für Insekten recht langlebig. Sie können über 3 Jahre alt werden.
Fortpflanzung und Entwicklung: Im Gegensatz zu den bekannteren Schabenarten setzen Fauchschabenweibchen keine Ootheken (Eibehälter in denen mehrere Eier zusammen in einer schützenden Hülle liegen) ab. Sie sind lebendgebärend. Die Oothek bleibt im Körper, wo die Jungtiere schlüpfen. Nur gestresste Weibchen geben manchmal die weißlichen Ootheken ab bevor die Jungen schlüpfen. Die Entwicklung der Jungtiere im Ei dauert ca. 60-70 Tage. Die Anzahl der Jungen, die im Verlauf von 2 Tagen geboren werden, beträgt zwischen 20 und 40. Die Jungen haben die Größe von Kellerasseln. Nach 6 Häutungen erreichen sie das Imaginalstadium, was je nach Temperatur und Ernährungszustand 5-10 Monate dauert. Die Häutung kündigt sich durch das Aufplatzen einer Häutungsnaht auf der Dorsalseite an, durch die man die weiße neue Haut sehen kann. Die alte Haut wird i.d.R. aufgefressen. Die neue, anfangs noch weiße und weiche Haut färbt sich innerhalb von ca. 24 Std. dunkel und wird hart.
Bemerkenswerte Verhaltensweisen: Die Fähigkeit der Fauchschaben Laute zu erzeugen hat ihnen ihren Namen gegeben. Das charakteristische Fauchen bzw. Zischen wird durch kräftiges Zusammenpressen des Abdomens erzeugt. Dadurch wird die in den Tracheen befindliche Atemluft aus einem speziell modifizierten Stigmenpaar ausgestoßen. Das erstaunliche ist, dass diese Lautäußerung nicht nur als Abwehrlaut, z.B. wenn sie von einem Raubfeind ergriffen werden, sondern auch in der innerartlichen Kommunikation eingesetzt wird. Man kann mit entsprechenden Aufzeichnungsgeräten 5 gut voneinander unterscheidbare Zischlaute feststellen, die jeweils mit spezifischen Interaktionen (im Abwehr-, Territorial- und Balzverhalten) verbunden sind. Die hier abgebildeten, mit der Territorialität verbundenen auffälligen Verhaltensweisen lassen sich unter den unten beschriebenen Haltungsbedingungen ebenso gut beobachten wie das Balz- und Paarungsverhalten.
Haltung und Pflege: Zur Haltung eignen sich dichtschließende Glas- oder Plastikbehälter (Plastikaquarien oder -terrarien, große Haushaltsdosen, selbstgeklebte Glasbehälter mit Lüftungsöffnungen etc.sollte eine Mindestgröße von ca. 30x20x20 cm haben. Besser sind jedoch größere Behälter mit mehreren Tieren, da man dann das interessante Verhalten gut beobachten kann.
„Handling“ der Fauchschaben (Anfassen): Will man eine Schabe aus dem Terrarium nehmen, so umfasst man sie am besten mit Daumen und Zeigefinger an beiden Seiten des Brustteils und versucht sie vorsichtig aufzuheben. Man muss das häufig gegen den Widerstand der am Boden haftenden Füße tun und sollte deshalb nicht zu kräftig anziehen. Dieses „Handling“ Bedarf einer gewissen Übung, ist aber schnell erlernbar. Normalerweise bewegen sich die Fauchschaben nicht sehr schnell und wenn man sie ruhig auf die Hand setzt, bleiben sie dort oft sitzen bzw. krabbeln nur langsam vorwärts. Da sie nicht beißen und keine unangenehmen oder schädlichen Stoffe ausscheiden, sind Fauchschaben ideale Insekten zum Anfassen (Begreifen).
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